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Schwarze Häuser

illustriert von Emma Ludwig
Einband-Illustration von Isabel Kreitz

Ferien, wenn alle anderen zur Schule müssen! Die zwölfjährige Uli kommt sechs Wochen zur Erholung auf eine Nordseeinsel. Dort erwartet sie jedoch kein Urlaub. Denn keins der Kinder ist freiwillig im Kurheim. Das Heimweh ist groß, der Wind heult ums Haus, das Essen schmeckt schrecklich. Trost findet Uli bei ihren neuen Freundinnen Fritze, Freya und Lieschen. Gemeinsam bibbern sie im kalten Waschraum, helfen sich beim Schuheputzen und überstehen auch die gemeinsten Strafen. Doch eine Tages ist Freya verschwunden. Heimlich machen sich die Mädchen auf die Suche und finden sie weit draußen im Watt...

Hörbuch

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In aller Welt
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Leseprobe

Doch nach wenigen Metern stehen sie vor einem Bach, nein, das ist kein Bach mehr, das ist bereits ein richtiger Fluss, in dem das Wasser sprudelnd dahinströmt.

Sie drehen um und versuchen es weiter links, doch hier werden sie gleich von mehreren Wasserarmen am Weitergehen gehindert.

Uli fällt ein, was der Drache an ihrem ersten Tag am Meer gesagt hatte: „Die Nordsee ist tückisch, man darf ihr nicht trauen.“

Und dann spricht Freya es aus: „Wir kommen nicht zurück. Ich glaube, wir sind eingeschlossen.“

„Blödsinn“, sagt Fritze. „Dann waten wir eben durchs Wasser, ist doch egal, ich hab eh schon nasse Füße.“

Aber als sie zu dem ersten Wasserlauf kommen, ist aus dem eben noch dünnen Rinnsaal ebenfalls ein Fluss geworden, dessen Strömung sie mit sich reißen würde.

„Ich verstehe das nicht“, sagt Fritze und zeigt aufs Meer, das so weit weg von ihnen am Horizont glitzert.

„Ich glaube, bei Flut kommt das Wasser nicht von vorn, sondern von allen Seiten“, sagt Freya.

Die Sonne hat ihren Dunstschleier abgelegt, sie glüht nun in einem warmen dunklen Orange.

„Sie geht unter“, flüstert Freya. „Die Sonne geht unter.“

Und das Wasser steigt. Ganz allmählich. Freya macht einen Satz nach hinten, wie durch Zauberhand ist vor ihr ein kleiner Tümpel aufgetaucht, der sich Zentimeter für Zentimeter erst nach der einen, dann nach der anderen Seite ausstreckt.

„Wann wird das hier alles voll Wasser sein?“, flüstert Freya.

„Es ist gar nicht gesagt, dass die Sandbank überflutet wird“, sagt Uli.

„Genau“, beeilt sich Fritze hinzuzufügen. „Habt ihr nicht im Museum die Fotos von den Schiffen gesehen, die mitten im Meer auf eine Sandbank gelaufen sind?“

„Aber wir können hier doch nicht die ganze Nacht stehen und warten, dass das Wasser wieder abläuft!“, ruft Freya verzweifelt.

Nein, das können sie nicht. Denn nun, wo die Sonne fort ist, wird es kalt, sehr kalt. Fritze hüpft auf und ab und umschlingt ihren Oberkörper mit den Armen.

„Im Heim haben sie längst gemerkt, dass wir nicht da sind und suchen uns“, sagt Uli. Aber das glaubt sie selber nicht. Jetzt müsste gleich das Krippenspiel beginnen und in dem ganzen Trubel fällt bestimmt nicht auf, dass drei Mädchen fehlen.

„Und selbst wenn sie uns suchen“, sagt Freya. „Gleich ist es stockfinster, da sieht uns kein Mensch.“

Inzwischen hat die Dämmerung alle Farben geschluckt. Um sie herum ist alles grau. Das Wasser, der Sand, Ulis Jacke.

In wenigen Minuten werden sie von der Dunkelheit eingehüllt sein wie in ein schwarzes Tuch. Und darin ersticken ...

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